Leseprobe

 


Gesche Butt, die alle nur Gesche Granat nannten, weil sie trotz schwerer Konkurrenz jedes Jahr Meisterin im Granatpulen wurde. Sie war um die fünfzig, führte ihrem Bruder den Haushalt und fuhr den frisch gefangenen Granat und die Fische zu ihren Kunden im Dorf aus. Ständig sah man sie mit dem scheinbar immer gleichen Kopftuch, das sie mit einer großen Schleife wie Witwe Bolte vor der Stirn band. Kleine Äuglein blinzelten munter, und zwischen roten Hängebacken saß eine ewig schniefende Stubsnase. Wanderte der Blick des Betrachters nach unten, so sah er Erstaunliches. Gesches Hüften waren im Laufe der Jahre so auseinandergegangen, daß, so Doc Knoche, es aussah, als habe sie das gesamte Schmuggelgut ihres Urgroßvaters unter einer Krinoline versteckt. Diese skurrile Erscheinung wurde von knochigen, krummen Beinen getragen, die tagaus, tagein, sonn- und feiertags in Holzschuhen endeten. Ihre braunen Strickstrümpfe zogen stets Wasser und wurden am oberen Ende von Weckringen gehalten. Ihr grauer, leicht zerschlissener Rock gab der ganzen Gestalt nur einen unvollkommenen Rahmen, da er bereits zwei Handbreit über den Knien endete und so den Blick allzu oft auf verwelktes Fleisch, dem rüderen Teil der männlichen Bevölkerung zum Vergnügen, freigab. Der Komiker, der schon durch platte Witze aufgefallen war, pöbelte sie einmal an, daß sie doch auf Jahrmärkten als Panoptikumsfigur eine schnellere Mark machen könne als mit Fisch. Gesche nahm diese augenfällige Geschmacklosigkeit mit der ihr eigenen stoischen Ruhe hin und spuckte dem Witzbold vor die Füße. Was wußte der schon. Sie war in ihrer Jugendzeit eine flotte, recht appetitliche junge Frau gewesen, die nichts hatte anbrennen lassen. So manchen Muskelprotz hatte sie kurzerhand abgeschleppt und ihm hinter dem Deich bei Mondschein das Reiten nach Jerusalem beigebracht. Dies hatte sie viele Jahre voll beschäftigt, so daß der Gedanke, eine Familie zu gründen, mehr und mehr verflog - zumal sie einen Mann nicht losgeworden war: ihren Bruder. Heute, da sie kein Objekt der Begierde mehr war, flüchtete sie in Ermanglung direkter fleischlicher Lüste ins Kino, wo sie keinen Film mit den kraftstrotzenden Supermännern versäumte, die allein über eine ganze Welt des Bösen triumphierten, um sich im Kinosessel diesen Helden der Leinewand in heißen Phantasien mit spätem wollüstigen Aufbäumen hinzugeben.

Als die Ruhe wieder eingekehrt war, kam SIE wie aufs Stichwort. - Nein, SIE kam nicht einfach herein. SIE trat auf, wie eine Diva die Bühne betritt, legte eine Hand leicht auf die Theke und kreuzte mit einem fast unauffälligen, aber desto erregenderen Schwung die Beine. Da wurde es still in der Runde. Hein Lücht, ein Tablett mit vollen Biergläsern balancierend, warf ihr einen kurzen Blick zu und pfiff leise durch die Zähne. Die Köpfe der anderen Männer drehten sich unwiderstehlich wie die Kompaßnadeln auf den magnetischen Pol, wie die der Zuschauer beim Tennisspiel, die dem fliegenden Ball wie an Fäden gezogen folgen, und starrten auf das, worauf sie mit nervöser Ungeduld so lange gewartet hatten. Die Figur ... Nein, wir brauchen sie nicht zu beschreiben. Sie spiegelte sich in den flackernden Augen der fassungslosen Betrachter wider, die, wie hypnotisiert, regungslos verharrten. Sie war in einen hauchdünnen Sari, der manches blicken, mehr noch ahnen ließ, elegant eingewickelt, grün wie ein Billardtuch, unter dem die dazugehörigen Kugeln so weit hervorschauten, daß Hoffnungen geweckt und doch nur so viel verhüllt war, um die wildesten Phantasien aufflammen zu lassen. Und die Queues ... Bei einigen wurden die Hosen etwas eng, als deren verwirrte Blicke hinabglitten und ihr Speichelfluß sprunghaft anstieg. Gekrönt wurde das Bildnis von rotblondem Haar, das, von einem Spotlight über dem Tresen in flammende Kaskaden getaucht, in schweren Wellen bis auf die Schultern herabfiel. - Na ja. Wahrscheinlich hatte die Dame vor Öffnung der Gaststätte den Auftritt geprobt.

Klaas Kuttel, der Gläser spülte, zwinkerte dem Doktor grinsend zu. Der saß in seiner abgetragenen Kordjacke, in Hosen, die vormals einem Wildhüter gehört haben mußten, unrasiert, mit undurchdringlichem Gesicht wie Mona Lisa vor seinem Bier. Die schwarze Melone im Genick, die Nickelbrille auf der Stirn und die dünne Zigarre im Mundwinkel. Im ganzen machte er eher den Eindruck eines gerissenen irischen Pferdehändlers als den eines Arztes. Er war schon an die achtzig, sah aus wie sechzig und war noch genauso bissig wie früher zu seinen Patienten. Er kannte sie alle im weiten Umkreis: die Lebenden wie die Toten. Als er in den zwanziger Jahren die Praxis von seinem Vorgänger übernahm, der sich mit Wein, Weib und Gesang ruiniert hatte, radelte er bei Wind und Wetter von einem Kranken zum anderen, später auf einem Motorrad. Bärbeißig und polternd hatte der Doktor den eingebildeten Kranken kurzerhand klargemacht, daß sie sich gefälligst zusammenreißen sollten, denn sie seien viel gesünder, als sie jammernd meinten. Wenn sie nicht so viel fettes Zeug essen und weniger saufen würden, bräuchten sie auch keine Medizin, war eine ständige Redewendung von ihm. Pillen und Wässerchen hätten sie nicht nötig, wenn sie mehr an der frischen Luft arbeiten würden, als winselnd im Bett herumzuliegen. Sprach's, klappte seinen Arztkoffer zu und knatterte auf seiner NSU zum nächsten Patienten, dem er mit einem verkniffenen Lächeln ähnliche Grobheiten in aller Gemütsruhe an den Kopf warf. Sie nahmen das alles nicht so ernst und schätzten ihren Doktor trotz allem. Die Altgewordenen waren der festen Überzeugung, daß sie trotz der kernigen Vorhaltungen deswegen durchgehalten hatten, weil sie munter die Mahnungen ihres Doktors in den Wind geschlagen hatten. Daß einige doch an Herzverfettung oder Leberzirrhose ein allzu frühes Ende gefunden hatten, verdrängten sie ganz einfach. Aus dem jugendlichen Freigeist Rabanus Knoche wurde mit den Jahren ein Grantler. Und weil ihm mit der Zeit alle Illusionen abhanden gekommen waren, daß die Menschheit sich noch einmal bessern könnte, war aus ihm nicht etwa ein Griesgram geworden, sondern ein sanfter Spötter. Er amüsierte sich über Selbstgerechtigkeit und Heuchelei, nahm Arroganz und Wichtigtuerei aufs Korn und sah mit Nachsicht auf die kleinen Schwächen seiner Mitmenschen, manchmal sogar auch auf seine eigenen.