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Die Welt ist ein Panoptikum, das darzustellen
Sache der Literatur ist: Homers Troja oder Rom bei Livius. Nirgendwo aber läßt
sich die menschliche Narretei auf einen Punkt focusieren so wie in einem Dorf. Der
Ort als "Mondo piccolo", wie wir ihn bei Giovanni Guareschi in "Don
Camillo und Peppone" kennengelernt haben. Und nun Steerhörn. Steerhörn
ist nicht antik, keine Kapitale und nicht in der Ferne angesiedelt. Steerhörn
liegt um die Ecke rum, gleich neben Utrum. Steerhörn ist ein Fischerdorf, in dem
noch ein einziger Fischer zum Fang herausfährt. Einst war Steerhörn halbtags
eine Insel, bei Flut. Bei Ebbe bot eine Sandbank die Verbindung zum Festland, nach
Utrum und die weite Welt dahinter. Aber die Zeiten ändern sich. Ein fester Damm
mit asphaltierter Straße macht Steerhörn heute von den Gezeiten unabhängig.
Doch, behauptet Dr. Knoche, "unsere guten Leute sind halbtags Insulaner geblieben.
Ihre "Insel" ist für sie der Mittelpunkt der Welt.,, Wie es in diesem
Nest zugeht, das zu schildern braucht es 413 Seiten. Fazit: Steerhörn ist überall
und doch versunken. Die Geschichte spielt nicht heute, aber auch nicht anno dunnemals.
Der VW-Käfer tuckert so oft durch Steerhörn, daß er eine Zeitbestimmung
unbestimmt ermöglicht. Ein fast normales Dorf also, unser Steerhörn. Erzählt
wird "Aal in Aspik" von Hermann Fischer, der keiner ist sondern Lehrer war.
Fischer ist kein Nabelschauer, sondern ein Spötter. Ein bißchen ist er Dr.
Rabanus Knoche, prominenter Bewohner von Steerhörn, Arzt außer Dienst, trinkfest,
redegewandt und ein Hingucker. Knoches Motto: "Der Spott ist die beste Möglichkeit,
das Leben so zu sehen, wie es wirklich ist." Aus diesem Blickwinkel betrachtet
ist das Leben prall. Es besteht aus einer Reihe lächerlichen Mißhelligkeiten,
Dünkel, Kleinmmut, Klatsch, Prahlerei und Alltag. Es ist kein Kontinuum, nicht
gelenkt von Gott oder Göttern, sondern einer Folge von Anekdoten, die die Beteiligten
selbst in die Welt gesetzt haben. Wäre die betörende Schöne mit ihrem
fremdländischen Begleiter nicht im "Blauen Seepferd" abgestiegen, dem
ersten Haus am Marktplatz von Steerhörn, wären die Männer nicht aus
dem Tritt gekommen, Ehefrauen nicht aus dem Trott, Honoratioren nicht gestrauchelt,
die Pfarresleut fest im Glauben geblieben und der Wochenmarkt hätte nicht im Chaos
geendet. Heimo Temme, Lokalreporter beim Utrumer Landboten, hätte nichts zu schreiben
gehabt, der Dorfpolizist seine Ruhe behalten, Oberinspektor Zieske nicht ermitteln
müssen, Doc Knoche sich gelangweilt. Und Hermann Fischer hätte keinen Roma
geschrieben, einen in dem "alles der Wahrheit, und nur der Wahrheit" entspricht.
Sicher, ein bißchen gedreht hat er schon an den Vorkommnissen "wegen drohender
Klagen", "ein paar Namen geändert, Kulissen verschoben" und die
Landkarte neu gezeichnet. Romane sind Fiktionen, haben nie Ähnlichkeit mit lebenden
oder lesenden Personen. Letztere sollen sich schließlich - findet Fischer - "darauf
freuen, daß sie nicht so sind wie diese dort." Das sollte man tun, sich
freuen durch Steerhörn zu streifen, das Panoptikum seiner Bewohner anzugucken
und Spaß beim Lesen zu haben. Spaß ist das, was dieser Roman bringt. Daß
Spötter wie Doc Knoche und Hermann Fischer Spaß nicht bloß um seiner
selbst willen vermitteln, wird sehr schnell deutlich. Fischer blödelt nicht um
des Blödeins willen. Lachen löst er aus, ganz oft. "Aal in Aspik"
ist ein Buch von schöner traditioneller Machart. Es fängt vorne an, und am
Ende ist es schade, daß die Geschichte vorbei ist.. Sie lebt nicht nur von sanfter
Ironie und nachsichtigem Spott, sondern auch von einem Hauch Frivolität. Daß
sie nicht einst oder fern angesiedelt ist, steigert das Vergnügen. Zum Denken
gibt sie genug Stoff, auf leichte Weise, und bedenkenlos läßt sich jedem
zur Erkundung des "Mondo piccolo" namens Steerhörn raten.
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