Wolfgang Sauer


Die Welt ist ein Panoptikum, das darzustellen Sache der Literatur ist: Homers Troja oder Rom bei Livius. Nirgendwo aber läßt sich die menschliche Narretei auf einen Punkt focusieren so wie in einem Dorf. Der Ort als "Mondo piccolo", wie wir ihn bei Giovanni Guareschi in "Don Camillo und Peppone" kennengelernt haben. Und nun Steerhörn. Steerhörn ist nicht antik, keine Kapitale und nicht in der Ferne angesiedelt. Steerhörn liegt um die Ecke rum, gleich neben Utrum. Steerhörn ist ein Fischerdorf, in dem noch ein einziger Fischer zum Fang herausfährt. Einst war Steerhörn halbtags eine Insel, bei Flut. Bei Ebbe bot eine Sandbank die Verbindung zum Festland, nach Utrum und die weite Welt dahinter. Aber die Zeiten ändern sich. Ein fester Damm mit asphaltierter Straße macht Steerhörn heute von den Gezeiten unabhängig. Doch, behauptet Dr. Knoche, "unsere guten Leute sind halbtags Insulaner geblieben. Ihre "Insel" ist für sie der Mittelpunkt der Welt.,, Wie es in diesem Nest zugeht, das zu schildern braucht es 413 Seiten. Fazit: Steerhörn ist überall und doch versunken. Die Geschichte spielt nicht heute, aber auch nicht anno dunnemals. Der VW-Käfer tuckert so oft durch Steerhörn, daß er eine Zeitbestimmung unbestimmt ermöglicht. Ein fast normales Dorf also, unser Steerhörn. Erzählt wird "Aal in Aspik" von Hermann Fischer, der keiner ist sondern Lehrer war. Fischer ist kein Nabelschauer, sondern ein Spötter. Ein bißchen ist er Dr. Rabanus Knoche, prominenter Bewohner von Steerhörn, Arzt außer Dienst, trinkfest, redegewandt und ein Hingucker. Knoches Motto: "Der Spott ist die beste Möglichkeit, das Leben so zu sehen, wie es wirklich ist." Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist das Leben prall. Es besteht aus einer Reihe lächerlichen Mißhelligkeiten, Dünkel, Kleinmmut, Klatsch, Prahlerei und Alltag. Es ist kein Kontinuum, nicht gelenkt von Gott oder Göttern, sondern einer Folge von Anekdoten, die die Beteiligten selbst in die Welt gesetzt haben. Wäre die betörende Schöne mit ihrem fremdländischen Begleiter nicht im "Blauen Seepferd" abgestiegen, dem ersten Haus am Marktplatz von Steerhörn, wären die Männer nicht aus dem Tritt gekommen, Ehefrauen nicht aus dem Trott, Honoratioren nicht gestrauchelt, die Pfarresleut fest im Glauben geblieben und der Wochenmarkt hätte nicht im Chaos geendet. Heimo Temme, Lokalreporter beim Utrumer Landboten, hätte nichts zu schreiben gehabt, der Dorfpolizist seine Ruhe behalten, Oberinspektor Zieske nicht ermitteln müssen, Doc Knoche sich gelangweilt. Und Hermann Fischer hätte keinen Roma geschrieben, einen in dem "alles der Wahrheit, und nur der Wahrheit" entspricht. Sicher, ein bißchen gedreht hat er schon an den Vorkommnissen "wegen drohender Klagen", "ein paar Namen geändert, Kulissen verschoben" und die Landkarte neu gezeichnet. Romane sind Fiktionen, haben nie Ähnlichkeit mit lebenden oder lesenden Personen. Letztere sollen sich schließlich - findet Fischer - "darauf freuen, daß sie nicht so sind wie diese dort." Das sollte man tun, sich freuen durch Steerhörn zu streifen, das Panoptikum seiner Bewohner anzugucken und Spaß beim Lesen zu haben. Spaß ist das, was dieser Roman bringt. Daß Spötter wie Doc Knoche und Hermann Fischer Spaß nicht bloß um seiner selbst willen vermitteln, wird sehr schnell deutlich. Fischer blödelt nicht um des Blödeins willen. Lachen löst er aus, ganz oft. "Aal in Aspik" ist ein Buch von schöner traditioneller Machart. Es fängt vorne an, und am Ende ist es schade, daß die Geschichte vorbei ist.. Sie lebt nicht nur von sanfter Ironie und nachsichtigem Spott, sondern auch von einem Hauch Frivolität. Daß sie nicht einst oder fern angesiedelt ist, steigert das Vergnügen. Zum Denken gibt sie genug Stoff, auf leichte Weise, und bedenkenlos läßt sich jedem zur Erkundung des "Mondo piccolo" namens Steerhörn raten.